POET*IN-MUSLIMISCH-DEUTSCH

„ Sportangebot am kommenden Wochenende ist Steinewerfen. Bringt aber bitte eure eigenen Steine mit.“ Der Imam Dr. Ali Özgür Özdil versucht ernst zu bleiben, das Publikum kichert. „Wir lachen gerne über solche ironischen Texte, weil es die Bitterkeit wieder gibt, die Bilder und Rollen, die in den Köpfen vorherrschen.“, sagt Leila El-Amaire, die seit der Gründung zum Vorstand von i-slam gehört.

i-slam – das ist Poetry Slam für Muslime. Das Konzept unterscheidet sich zunächst nicht von anderen Veranstaltungen: Innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens tragen Menschen auf der Bühne ihre Texte vor,  das Publikum entscheidet, wer gewinnt. Auf Vulgärsprache und Diskriminierung wird bei i-slam allerdings bewusst verzichtet. „Wir möchten den muslimischen Poet*innen einen Schutzraum bieten, in dem sie sich in ihrem Glauben nicht angegriffen fühlen. Wir erleben das tagtäglich, das brauchen wir nicht auch noch auf der Bühne.“, erklärt El-Amaire. Unterhaltungswert und Qualität mindert dies nicht. Klischees werden zu Ballons aufgeblasen und mit nadelspitzer Ironie zum Zerplatzen gebracht, wie etwa wenn der Imam Özdil seine Anleitung zum „richtigen Hassen“  predigt.

Doch manchmal wird es auch ganz still im Saal. Gebannt lauschen die Zuschauer*innen der wohl formulierten Wut, ob über Pegida vor der eigenen Haustür oder Krieg im rund dreitausend Kilometer entfernten Syrien.  Viele Slammer*innen haben einen diasporischen Bezug zu Ländern in denen Konflikte herrschen, ob zwischen Ländern, Bürgern und Regierung  oder auch zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen des Islam. Religiöse Konflikte gibt es bei i-slam nicht, die Poet*innen  haben sich auf einen einfachen Grundsatz geeinigt: „Wenn du an Gott glaubst  und dass der Prophet sein Gesandter ist, dann ist alles cool.“

Leider sind die Slammer*innen  nicht nur durch ihren gemeinsamen Glauben, sondern auch durch zahlreiche Diskriminierungserfahrungen geeint, die sie in ihren Texten aufgreifen. Laut des Alternativberichtes des „Netzwerks gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit“ aus 2015 waren innerhalb von zwölf Monaten 31% der in Deutschland lebenden Muslim*innen von Diskriminierung betroffen.  Es sei jedoch von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da viele Betroffene  nicht  von Beratungs- und Hilfsangeboten wüssten oder antimuslimischen Rassismus bereits als einen „normalen  Teil des  Alltags hinnähmen“.

Bei i-slam können junge Muslim*innen poetisch auf diese Zustände und ihre Lebensrealität aufmerksam machen. Darüber hinaus bietet ihnen das Projekt eine Möglichkeit sich in der Gesellschaft zu positionieren und somit ein gesundes Selbstbewusstsein und eine muslimisch-deutsche Identität zu entwickeln. Gerade jetzt, wenn rassistische Ideologien in der Debatte um Geflüchtete aus muslimischen Ländern neuen Auftrieb erhalten, ist dies eine Herausforderung.  Aber Leila El-Amaire bleibt optimistisch: „Es ist schön zu sehen, wie viele Menschen dann eben doch aufmerksam werden, das macht dann auf jeden Fall Mut weiter zu machen. Wir geben nicht auf.“

Autorin: Christina Focken

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