Deutschland – ein Land mit zweigeteilter Brust?

Die Befunde der von der Bertelsmann-Stiftung durchgeführten Studie „Radar Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, die durch eine vergleichende Darstellung über den Entwicklungsverlauf, den gegenwärtigen Stand sowie zukünftige Trends des Phänomens der sozialen Solidarität aufklären will, macht die widersprüchliche Geisteshaltung vieler deutscher Bürger deutlich. Immer weniger von ihnen akzeptieren, dass MigrantInnen ihre Herkunftskultur auch in Deutschland ausleben. Gestiegen ist dagegen die Bereitschaft, MigrantInnen aktiv an der politischen Gestaltung teilhaben zu lassen.

Ergebnisse

Gesellschaftlicher Zusammenhalt, also die Qualität des gesellschaftlichen Miteinanders, hat sich insgesamt über die untersuchte Zeitspanne hinweg verbessert, so der Schluss der Studie. Das häufig vernommene Unken über den vermeintlichen Verfall eines Gemeinschaftssinns in der Gesellschaft wird dadurch zumindest teilweise relativiert. Allerdings sind durchaus nicht alle Entwicklungen positiv. Es bestehen außerdem signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern, sowohl in einzelnen untersuchten Aspekten als auch in der Gesamtheit.

In Hamburg ist der Gesellschaftliche Zusammenhalt insgesamt am stärksten, gefolgt von Baden-Württemberg und dem Saarland. Berlin liegt auf Platz 8. Am schlechtesten schneiden Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ab. Die Rangfolge der Platzierungen zeigt sehr deutliche Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Bundesländern. Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist es in den östlichen Ländern durchweg schlechter bestellt als in den westlichen – das Ost-West Gefälle ist heutzutage sogar noch stärker als es direkt nach der Wiedervereinigung war.

Verschiedene Faktoren beeinflussen das kollektivdynamische Phänomen sozialer Solidarität, so die Studie. Unter anderem werden der Grad der Urbanisierung, die Altersstruktur der Bevölkerung, die Wohlstandssituation und auch der Anteil an MigrantInnen genannt. Allgemein geht ein besserer gesellschaftlicher Zusammenhalt mit einer höheren Lebenszufriedenheit einher.

In verschiedenen Bereichen wurden große Fortschritte festgestellt. Zum Beispiel hat das Vertrauen in Institutionen stark zugenommen, während die Furcht, Opfer eines kriminellen Deliktes zu werden, deutlich gesunken ist.

Die widerspruchsvolle Wahrnehmung kultureller Vielfalt in Deutschland

Indes bezüglich der Toleranz sexueller Minderheiten klare Fortschritte zu verzeichnen sind und immer mehr Deutsche der Meinung sind, diese sollten so leben dürfen, wie sie es wünschen, ist die Lage bezüglich der Akzeptanz kultureller Vielfalt gemischter.

Die Studie konstatiert jedoch zugleich, dass die Akzeptanz gegenüber dem Ausleben der Herkunftskulturen der MigrantInnen in der deutschen Bevölkerung gesunken ist. Am ehesten akzeptiert wird dies noch in Berlin, Baden-Württemberg, Bremen und Bayern. Auch hinsichtlich der Beantwortung der Frage, ob das kulturelle Leben in Deutschland durch Zuwanderer bereichert werde, bestehen zwischen den Bundesländern klare Unterschiede mit einem ebenfalls ausgeprägten Ost-West Gefälle. In Bremen wird diese Frage am ehesten bejaht, wohingegen in Sachsen-Anhalt die meisten Menschen mit „Nein“ antworten. Positiv zu bewerten ist aber die Entwicklung, dass immer weniger Deutsche eine aktive Teilnahme von MigrantInnen an der politischen Gestaltung des Landes ablehnen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass durchaus ein Wille zur „konditionalen Integration“ aus diesen Ergebnissen abgeleitet werden kann, allerdings noch viel Luft nach oben bezüglich der Akzeptanz kultureller Vielfalt besteht.

Solidarität und kulturelle Vielfalt gehen Hand in Hand

Besonders interessant ist die Tatsache, dass trotz der oben genannten Vorbehalte der Deutschen gegenüber der Bewahrung fremder kultureller Lebensweisen, der gesellschaftliche Zusammenhalt in den Bundesländern mit höherem Ausländeranteil stärker ausfällt. Kulturelle Vielfalt geht mit einem höheren Grad an sozialer Solidarität einher. Inwiefern der festere Zusammenhalt von einem höheren MigrantInnenanteil jedoch im einzelnen bedingt ist, ist nicht abschließend festzustellen. Es besteht sowohl die Möglichkeit, dass kulturelle Heterogenität ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl bedingt, als auch die, dass MigrantInnen von vornherein dazu tendieren, in Bundesländer mit höhrem Solidaritätsgrad zu ziehen. Wie dem auch sei: die landläufige Annahme, der Zusammenhalt werde durch ethnische Diversität geschwächt, ist nicht haltbar. Die Studie stellt dementsprechend auch fest, dass die Zuwanderungsdebatte in Deutschland zu hitzig geführt wird.

Es ist natürlich positiv, dass Theorien zum Verfall der Gesellschaft, wie sie oft proklamiert werden, durch die Studie nicht bekräftigt werden. Im Gegenteil, im Großen und Ganzen ist es um den interkulturellen Zusammenhalt in Deutschland nicht schlecht bestellt. Die sinkende Bereitschaft der Deutschen, kulturelle Vielfalt als Bereicherung wahrzunehmen und MigrantInnen auch in Deutschland die Aufechterhaltung ihrer Lebensgewohnheiten zuzugestehen, ist allerdings alarmierend. Ein gewisser Grad an Anpassung ist für eine erfolgreiche Integration zweifellos unabdingbar. Jedoch müssen wir uns mit der Frage auseinandersetzen, was wir als Individuen wie im Kollektiv dafür tun können, ein Bewusstsein für den Unterschied von erfolgreiche Integration und totaler Assimilation zu schaffen.

Ein Text von Judith Schall

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